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Interview: Reha steht für Menschlichkeit

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Dr. Helge Matrisch ist seit 2012 ärztlicher Direktor der neurologischen Reha in Schaufling. Er bildet die Schnittstelle zwischen Medizin und Verwaltung – und muss deshalb den Reha-Betrieb auch mit kaufmännischen Augen betrachten. Der Spagat zwischen Kostendruck und der direkten Arbeit mit Patientinnen und Patienten ist nicht immer leicht zu schaffen. Im Interview erzählt er von seinem Arbeitsalltag und erklärt, wie Reha hilft und warum eine Gesellschaft ohne sie für ihn nicht denkbar wäre.

Neurologe mit starken Nerven

Als er uns die Tür zu seinem Büro öffnet werden wir freundlich begrüßt. Dr. Matrisch räumt zunächst den viel zu kleinen Besprechungstisch frei, an den gerade eben zwei Personen passen und öffnet, die Fenster, „um die Sonne hereinzulassen“. Den Neurologen und Psychiater bringt so schnell nichts aus dem Konzept: Ob es ein dauerklingelndes Telefon ist oder diverse Köpfe, die während des Gesprächs zur Tür hereingesteckt werden – Dr. Matrisch bleibt immer freundlich, verbindlich und konzentriert …

Porträtfoto: Helge Matrisch lächelt in die Kamera.
Die Freude an seinem Beruf sieht man Chefarzt Dr. Helge Matrisch regelrecht an: „Ich arbeite einfach sehr gern mit Menschen. Sie durch schwere Zeiten zu begleiten und ihnen zu helfen, Lebensqualität zurückzugewinnen, erfüllt mich total“, sagt der 51-Jährige. (Foto: Anja Prestel/BDPK)

Herr Dr. Matrisch, warum ist Reha wichtig für uns alle?

Dr. Matrisch: „Für mich ist das eine Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit Krankheit und Behinderung. Eine Gesellschaft, die keine Rehabilitation anbietet, steht nicht für einen menschlichen Umgang miteinander. Es ist eine absolute Notwendigkeit, mit Erkrankung und Behinderung professionell umzugehen, Hilfe anzubieten und Menschen wieder Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.“

Von der Krüppelversorgung zur Reha

Tut sich denn etwas beim Thema Reha?

„Oh ja, da tut sich einiges! Etwa dabei, wie wir über Krankheit und Behinderung sprechen. Ein Beispiel: Als Heranwachsender habe ich einen großen Wandel erlebt. Diese Soziallotterie im Fernsehen etwa hieß damals noch `Aktion Sorgenkind´. Inzwischen wurde sie in `Aktion Mensch´ umbenannt. Oder noch drastischer: Früher im 19. Jahrhundert gab es die `Krüppelversorgung´, die sich um Kriegsversehrte gekümmert hat. Ein schreckliches, abwertendes Wort. Der Wortschatz einer Gesellschaft spiegelt wider, wie die Menschen zum Beispiel über Krankheit und Inklusion denken. Um rehabilitativ Wertschätzung in Form von Versorgung und Therapien abzugeben, braucht es Mittel. Das aktuelle Prinzip scheint aber manchmal zu sein, eine Reha-Maßnahme erstmal abzulehnen. Dieses Denken ist nicht richtig. Natürlich muss man nachhaltig über entstehende Kosten nachdenken. Mittel für die Reha zu bewilligen, ist aber ebenso eine Form der Wertschätzung.“

„REHA: SPIEGEL DER GESELLSCHAFT“

„Wie stark die Gesellschaft mit Worten wertet, spiegelt wider, wie die Menschen über Krankheit und Inklusion denken. Mittel für die Reha zu bewilligen, ist aber ebenso eine Form der Wertschätzung.“ (Dr. Helge Matrisch, Ärztlicher Direktor)

Setzt sich diese Wertschätzung auch in der Finanzierung durch die Kostenträger fort?

„Drei Wochen Hotelurlaub in Italien kosten dasselbe wie drei Wochen Reha. Die erste Leistung beinhaltet jedoch nur Übernachtung und Frühstück, die zweite eine umfassende medizinische Behandlung, die Menschen zurück ins Leben holt. Die Frage, die sich hier stellt, ist: Was ist uns unsere Gesundheit wert? So viel wie ein dreiwöchiger All-inclusive-Urlaub oder mehr? Irgendwann wird jeder mit Krankheit und Hilflosigkeit konfrontiert und wir steuern zusammen mit dem Fachkräftemangel und einer finanziellen Unterversorgung einer deutlichen Verschlechterung in der Behandlung entgegen.“

 

Dank Reha wieder rein ins Leben!

Im Therapieraum: Mehrere Menschen üben an einer Kletterwand.
Oft führen schwere Verletzungen oder Erkrankungen zu sozialem Rückzug und Isolation. Reha hilft auch hier: Sie gibt Fähigkeiten und Selbstvertrauen zurück und stärkt Menschen fürs soziale Miteinander. (Foto: Anja Prestel/BDPK)

Wie kann Reha zu mehr Lebensqualität beitragen?

„Nach einer Erkrankung wieder auf die Beine zu kommen, ist von zentraler Bedeutung. Damit ist der Mensch allein überfordert. Der Kontakt mit anderen Menschen, denen das Gleiche passiert ist, und die Hilfe, die Patientinnen und Patienten durch die Reha erfahren, helfen ihnen zurück ins Leben. Sie erhalten neue Perspektiven und erkennen wieder ihre Chancen. Das ist der wichtige Punkt: Die Menschen sollen aus der Behinderten- und Krankenrolle heraus und wieder in ihr Leben zurückfinden.

Die Geriatrie ist dabei, wie auch die neurologische Rehabilitation des älteren Menschen, ein Spezialfall. Denn im letzten Lebensabschnitt verändert sich die Sicht auf die Zeit, die einem noch bleibt. Der Körper holt das ewig junge Gehirn ein, es ist das Organ, wo zuletzt die Erkenntnis ankommt: Jetzt bist du alt. Und der Körper signalisiert: Es ist eine Zeit im Leben angebrochen, die beschwerlich wird. Das ist nicht einfach zu verkraften. Die geriatrische Reha kann helfen, neue Perspektiven für den letzten Lebensabschnitt zu finden, Leid zu lindern und Lebensqualität sowie Mobilität zurückzugewinnen.“

LEID LINDERN, LEBENSQUALITÄT GEWINNEN:

„Die geriatrische Reha kann helfen, neue Perspektiven für den letzten Lebensabschnitt zu finden.“

Reha hilft Kosten sparen

Was braucht die Reha?

Fachkräfte, Fachkräfte, Fachkräfte! Mehr Geld, weniger Bürokratie und mehr Vertrauen der Kostenträger zu den Behandlern. Und wir brauchen einheitliche Bewilligungsstandards. Es kann nicht sein, dass die Genehmigung von Rehas von persönlichen Einschätzungen abhängig ist. Das aktuelle Prinzip scheint mitunter zu sein: erstmal ablehnen. Wenn dann nochmal ein Antrag erfolgt ggf. genehmigen. Dieses Denken ist nicht richtig. Man muss nachhaltig über Kosten nachdenken. Denn Reha hilft Kosten zu vermeiden, die sonst woanders im Gesundheitssystem wieder auftauchen: z. B. durch jahrelange Anschlussbehandlungen oder gar Pflegebedürftigkeit.“

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