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Die Corona-Krise und ihre psychischen Folgen

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Interview mit Dr. med. Thomas Wilde, Chefarzt und Ärztlicher Direktor in der Psychosomatischen Fachklinik St. Franziska-Stift.

Dr. med. Thomas Wilde
Dr. med. Thomas Wilde, Chefarzt und Ärztlicher Direktor in der Psychosomatischen Fachklinik St. Franziska-Stift.

Welche gesundheitlichen und v. a. psychischen Beeinträchtigungen beobachten Sie an Patientinnen und Patienten, die nach einer COVID-19-Erkrankung zu Ihnen in die Reha kommen?

Seit mehr als einem Jahr beschäftig die ganze Welt eine Pandemie, die uns alle unvorbereitet getroffen hat.

Die unvorhergesehene und wechselhafte Entwicklung, unterschiedliche und oft widersprüchliche Information über die aktuelle Bedrohungslage und die beeinträchtigenden Restriktionen haben tiefe Spuren in der Psyche der Menschen hinterlassen.

Alle Menschen sehen sich tagtäglich beeinträchtigt in der Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu pflegen, ein soziales Miteinander zu gestalten und ihren Alltag so umzusetzen, wie sie es gewohnt waren. All dies ist augenblicklich nicht möglich, wir alle sind durch die Pandemie beeinträchtigt und gezeichnet und dies hinterlässt auch tiefe psychische Spuren und Beeinträchtigungen. Jahrzehntelang eingeübtes und erlerntes soziales Verhalten ist seit einem Jahr nicht mehr möglich wie gewohnt und verändert die Gesellschaft und ihre Umgangsformen.

Patient:innen kommen zu uns, die Ängste vor einer COVID-19-Infektion oder -Erkrankung haben, einige haben bereits eine Infektion oder auch Erkrankung durchgestanden, andere berichten über Angehörige, die schwer erkranken oder sogar verstorben sind. Alle diese Patientinnen und Patienten stehen unter einer permanenten Stresssituation, in der es schwerfällt, die aktuellen Herausforderungen des Lebens zu bewältigen.

Bewältigungsmechanismen, die wir bisher praktiziert haben oder auch in der Psychotherapie angewandt haben, sind momentan nicht oder nur eingeschränkt möglich. Depressive Patienten können das nicht mehr tun, was sie möglicherweise in ihrer Therapie gelernt haben, hilfreich gegen depressive Zustände einzusetzen. Menschen besuchen, soziale Kontakte pflegen, Hobbys und kulturellen Interessen nachgehen, Sport treiben, die meisten der antidepressiv wirksamen Mechanismen sind augenblicklich nicht oder nur eingeschränkt anwendbar. Das macht es schwer, in der Therapie einen hilfreichen Ansatzpunkt zur Bewältigung zu finden.

In diesem Zustand kommen die Patient:innen zu uns, oft hilflos, angesichts ihrer Erfahrungen, sinnvolle und anwendbare Strategien für die Bewältigung ihrer Depressionen, ihrer Ängste oder anderer psychischer Beeinträchtigungen zu finden.

Patient:innen, die wir sehen, leiden unter Angstzuständen, Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit und Perspektivlosigkeit. Viele können ihre Arbeitstätigkeit nicht mehr so ausüben wie bisher, haben ihren Arbeitsplatz möglicherweise verloren, finden sich auf einmal in einer sozial und finanziell randständigen Lage vor, aus der sie keinen Ausweg sehen. Darüber hinaus ist oft Trauer zu bewältigen über verlorengegangene Kontakte, mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten, zuweilen auch durch die COVID-19-Pandemie verlorene Angehörige. Pläne, Vorhaben, die in den letzten Monaten umgesetzt werden sollten, haben sich aufgrund der Beschränkungen zerschlagen, dies hinterlässt tiefe Enttäuschung, Frustration und oft ein verfestigtes depressives Zustandsbild.

Jahrzehntelang eingeübtes und erlerntes soziales Verhalten ist seit einem Jahr nicht mehr möglich wie gewohnt und verändert die Gesellschaft und ihre Umgangsformen.

Wie hoch schätzen Sie die Heilungschancen nach einer überstandenen COVID-19-Erkrankung mit psychischen Folgen ein und welche Rolle spielt dabei die medizinische Rehabilitation?

Psychosomatische Reha in diesen Zeiten durchzuführen ist eine schwierige organisatorische und therapeutische Herausforderung. Therapie in einer psychosomatischen Klinik arbeitet mit Begegnung und Nähe und dies ist unter Pandemiebedingungen schwierig geworden. Wir tragen in den Kliniken Masken – auch in der Therapie ist dadurch der zwischenmenschliche Kontakt zwischen den Patienten untereinander und der therapeutische Kontakt von Patient zu Therapeut schwierig geworden. Ängste und Distanz schaffen eine Atmosphäre, die schon im Alltag die Begegnung von Menschen schwierig macht, in der Psychotherapie noch schwieriger ist.

In unserer psychosomatischen Klinik versuchen wir Therapie und Rehabilitation dennoch möglich zu machen. Unter einem angemessenen Hygienekonzept setzen wir alles daran, trotz aller Abstands- und Hygieneregeln eine therapeutische Beziehung aufzubauen und eine therapeutische Gemeinschaft zu fördern, indem wir verständnisvoll und wertschätzend die Sorgen, Probleme und Ängste unserer Rehabilitanden aufgreifen und in unser Konzept integriert haben.

Der Mensch ist lernfähig und anpassungsfähig und langfristig wird es sicherlich gelingen, die Folgen der COVID-19-Pandemie zu überwinden. Oft wird dazu sicherlich psychotherapeutische und rehabilitative Hilfe notwendig sein – darauf bereiten wir uns vor und dazu sind wir bereit.

Psychosomatischen Fachklinik St. Franziska-Stift
Psychosomatischen Fachklinik St. Franziska-Stift

Wissenschaftler sprechen von dem sogenannten „Long-Covid-Syndrom“. Welche Therapiekonzepte haben Sie für Patientinnen und Patienten entwickelt, die mit diesem Syndrom zu Ihnen kommen?

Um die Herausforderungen der Reha von COVID-19 belasteten Rehabilitanden aufnehmen zu können, haben wir im St. Franziska-Stift ein Konzept „Die Corona-Krise und ihre psychischen Folgen“ entwickelt. Dieses Konzept greift die spezifischen Schwierigkeiten und Probleme von Menschen auf, die unter anhaltenden Corona-Spätfolgen leiden und psychisch beeinträchtigt sind. Auch Menschen, die zwar selbst nicht an Corona erkrankten, aber aufgrund der Corona-Pandemie seelisch leiden, können hiermit behandelt werden.

Wir integrieren verhaltenstherapeutisch orientierte Gruppentherapie in den Bereichen Angst, Depression, Schmerz und Trauer und problemlöseorientierte, themenoffene Gruppen mit spezifischen Gruppen zum Aufbau von Resilienzfaktoren und der Förderung und Aktivierung von Ressourcen angesichts der aktuellen Situation. Ergänzt wird dieses Konzept durch Entspannungsverfahren, spezielle Atemtherapie, Sport- und Bewegungstherapie sowie Ergo- und Gestaltungstherapie. Darüber hinaus versuchen wir die speziellen sozialen und berufsbezogenen Probleme zu analysieren und hier im Rehateam Bewältigungswege zu entwickeln.

Wie lange dauert die Rehabilitationsmaßnahme für die Post-Covid-Patienten?

Die Behandlungsdauer orientiert sich zunächst an den Kostenzusagen über die Leistungsträger. Über die Deutsche Rentenversicherung werden 5 Wochen Rehabilitationszeit für psychosomatische Rehabilitationsmaßnahmen bewilligt. Unsere durchschnittliche Verweildauer beträgt 38 Tage, einzelne Patienten, bei denen zur Erreichung der Rehaziele eine Verlängerung notwendig ist, können wir auch verlängern, bis hin zu einer maximalen Behandlungsdauer von 8 bis 10 Wochen.

Welche Rahmenbedingungen mussten Sie in Ihrer Klinik schaffen, damit sich Patient:innen und Mitarbeiter:innen in diesen schwierigen Zeiten sicher fühlen?

Die Rahmenbedingungen in unserer Klinik mussten wir fortlaufend an die Entwicklung der Pandemie und die behördlich vorgegebenen Einschränkungen und Maßgaben anpassen. Die Klinik hat ein Besuchsverbot für Menschen von außen in der Klinik erlassen, in der Klinik sonst stattfindende Selbsthilfegruppen, Nachsorgegruppen und ambulante Patient:innen sowie teilstationäre Rehapatient:innen können wir momentan nicht ins Haus lassen.

Teilweise können wir diese Maßnahmen außerhalb der Klinik in einem benachbarten Gebäude durchführen, die meisten müssen jedoch bis auf weiteres ausgesetzt bleiben, v. a. teilstationäre Patient:innen können wir leider momentan nicht aufnehmen.

Die Patient:innen und Mitarbeiter:innen müssen mittlerweile alle durchweg FFP2-Masken tragen. Die Abstandsvorgaben setzen wir durch eine Verkleinerung der Gruppengröße und Verkürzung von Essenszeiten um. Alle Patienten, die neu aufgenommen werden, müssen einen negativen PCR-Test vorweisen, wer dies nicht kann, wird bei Aufnahme durch uns getestet.

Ebenso werden niederschwellig COVID-19-Schnell- und PCR-Tests durchgeführt, wenn Patient:innen oder Mitarbeiter:innen an Atemwegserkrankungen leiden, oder einfach nur besorgt sind oder möglicherweise Kontakte zu infizierten Personen gehabt haben könnten.

Bislang ist es recht gut gelungen, trotz COVID-19-Pandemie weiterhin psychosomatische Rehabilitation anbieten und durchführen zu können. Patient:innen und Mitarbeiter:innen nehmen wahr, dass uns die Sicherheit aller Beteiligten sehr am Herzen liegt und wir dennoch mit größtem Engagement weiterhin alles tun, was unser Auftrag ist: Psychosomatisch belastete Patient:innen zu rehabilitieren.

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