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17.05.2023

Nicht den Mut verlieren!

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In der Klinik für Neurologie in Wangen finden Patient:innen Hilfe auf dem Weg zurück in ihr Leben

Heute ist ein besonderer Tag für Andreas Bleichle* (Name geändert). Seit mehr als zwei Monaten ist er Patient in der Klinik für Neurologie an den Fachkliniken Wangen. Er verlässt die Wangener Frühreha und beginnt einen ganz neuen Lebensabschnitt in der weiterführenden Rehabilitation in Bad Wurzach: „Fast wie ein zweites Leben!“

So gut wie möglich den Alltag bestreiten. Das ist das Ziel jeder Reha-Maßnahme. Auch wenn der Weg lang scheint, heißt es: nur nicht den Mut verlieren. Bild: Shutterstock

Was ist das Guillain-Barré-Syndrom?

An die späten Oktobertage 2022 kann sich Andreas Bleichle inzwischen wieder erinnern. Nach Lähmungserscheinungen mit rapider Verschlechterung des Gesamtzustandes diagnostizierte ein Arzt der nahegelegenen Uniklinik bei ihm ein Guillain-Barré-Syndrom, eine selten auftretende Erkrankung des Nervensystems. Dabei zerstört eine Entzündung die umhüllende Schutzschicht peripherer Nerven, eine Art Autoimmunreaktion.

Leider gehörte Andreas Bleichle zu den zehn Prozent der Patient:innen, bei denen es gleichzeitig zu einer Schädigung der Nervenfasern selbst mit deutlich schwerwiegenderem Verlauf kommt. Zwei Wochen lag er tief sediert auf der Intensivstation und wurde über einen Luftröhrenschnitt beatmet. Dann kam er im November 2022 in die neurologische Frührehabilitation der Wangener Waldburg-Zeil Klinik. Diese ist darauf ausgerichtet, Patient:innen mit schwersten neurologischen Schädigungen und häufig noch bestehender vitaler Bedrohung zu behandeln.

Der lange Weg der Behandlung und Frührehabilitation

„Patienten wie Andreas Bleichle werden in einer so frühen Phase der Behandlung bei uns über Monitore überwacht, denn sie können den Notruf nicht selbständig betätigen“, erläutert Dr. Dr. Markus Schlomm, Chefarzt der Waldburg-Zeil Klinik für Neurologie. Lebenswichtige Parameter wie das EKG und die Sauerstoffsättigung im Blut sind kontinuierlich sowohl im Patientenzimmer als auch im zentralen Pflegestützpunkt abrufbar. „Sollte es dennoch zu bedrohlichen Komplikationen bei der Atmung kommen, haben wir über unser Lungenzentrum Süd-West im Hause eine Intensivstation, Pneumologen und Beatmungsspezialisten. Wir können auf Zuruf zusätzliche Untersuchungen, beispielsweise Bronchoskopien, durchführen, ohne unsere Patienten zusätzlich belastenden Transporten aussetzen zu müssen“, ergänzt er.

Außerdem verfügen die Fachkliniken Wangen über alle diagnostischen Möglichkeiten für eine differenzierte Therapie, erklärt der erfahrene Neurologe: „Den Schluckverlauf untersuchen wir zum Beispiel endoskopisch, radiologisch und klinisch.“ Auch bei Andreas Bleichle wurde frühestmöglich mit der Schlucktherapie begonnen. Viele Male hat er üben müssen, durch Mund und Nase zu atmen, Speichel nicht in die Lunge gelangen zu lassen und in ganz kleinen Schritten wieder Flüssigkeit und später passierte Kost schlucken zu lernen.

Schlucken und Sprechen neu lernen

Einen Schutz davor, dass Speichel, Flüssigkeit oder Nahrungsbestandteile aufgrund gestörter Sensibilität und Motorik des Schluckapparates den „falschen Weg“ in die Luftröhre nehmen, bietet die sogenannte Trachealkanüle. Sie verschließt die Luftröhre unterhalb des Kehlkopfs nach oben, damit kein Speichel etc. in die Luftröhre eindringen kann – allerdings streicht dann auch keine Luft an den Stimmlippen vorbei, das Sprechen bleibt lautlos. Für ein stimmhaftes Sprechen muss die Blockung der schützenden Trachealkanüle aufgehoben werden. „Ich war am Anfang sehr ungeduldig, dachte, dass es so schnell wie möglich mit dem Sprechen losgeht.

Fünf Wochen habe ich nicht sprechen können“, berichtet Andreas Bleichle. Das ist besonders beim Guillain-Barré-Syndrom belastend, denn das Gehirn hat durch die Erkrankung nichts von seiner Leistungsfähigkeit eingebüßt. „Mein Flüstern verstand keiner, außer der Physiotherapeut. Er las von den Lippen ab.“ Bleichle übt, teils allein, teils mit der Logopädin oder seinen Angehörigen. Jedes wiedererlernte Wort ist ein Erfolg. Ein weiterer „Etappensieg“: Vor zwei Wochen konnte bei dem Genesenden die Trachealkanüle entfernt und der Schnitt in der Luftröhre geschlossen werden. Schlucken und Sprechen sind nun wieder ungehindert möglich.

Nur nicht den Mut verlieren

Anderes dauert länger. „Man darf nicht den Mut verlieren“, so der Patient, „Es ist wichtig, dass man immer nach vorne schaut!“ Vorsichtig mobilisierten die Therapeuten seine Beine. „Zum ersten Mal wieder allein zur Toilette gehen können, das war mir so wichtig!“ Nun sitzt er seit anderthalb Wochen bereits in einem leichteren Rollstuhl, der mehr Beweglichkeit zulässt. Die Arme wollen noch nicht so recht ihren Dienst wieder aufnehmen. Beim Essen führen die Pfleger deshalb seine Hände, legen die Finger um die Gabel. Dafür gelingt das Trinken – durch einen langen Strohhalm – nun immer besser ganz allein.

Den nächsten Schritt auf dem Weg, sich das eigene Leben zurückzuholen, hat Andreas Bleichle heute gemacht. Er darf in eine Klinik mit weiterführender Rehabilitation der Phasen C und D – die Rehabilitationsklinik Bad Wurzach – umziehen. Chefarzt Dr. Dr. Schlomm hat diese bis vor anderthalb Jahren geleitet. Er weiß, wie wichtig fundierte Behandlung und erfahrene Therapeut:innen gerade bei komplexen neurologischen Erkrankungen für den Genesungsprozess sind. Gerne übergibt er seinen Patienten seinem Nachfolger Chefarzt Dr. Martin Schorl und dessen Team.

In der Waldburg-Zeil Klinik in Bad Wurzach wird Andreas Bleichle weiter lernen, alltägliche Verrichtungen bei der Körperpflege oder dem Ankleiden selbst zu übernehmen, den eigenen Tagesablauf nach Vorgaben zu planen und zu strukturieren. So viel wie möglich wieder von dem zu beherrschen, was in seinem „ersten Leben“ mühelos nebenbei gelang. Und bald nach Hause zurückzukehren, wo Familie und Freunde warten.

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